Projektbeschreibung

Die Figur des Banditen Murieta entnahm Neruda der chilenischen Volkstradition, in die der Straßenräuber, von dem historisch so viel überliefert ist wie vom deutschen Doktor Faust, über viele Umwege der Legendenbildung gelangte. Bei Neruda wird Joaquin Murieta zu einem der vielen Chilenen, die 1848 dem Ruf des Goldes aus Kalifornien gefolgt waren, mit all den Hoffnungen und Sehnsüchten, den Wünschen und Träumen nach einem besseren und gerechteren Leben. Doch die Hoffnungen der Einwanderer erfüllten sich nicht: die Chilenen, Mexikaner, Peruaner, Nikaraguaner und viele andere wurden per Gesetz durch die Nordamerikaner, die Kalifornien kurz zuvor in einem Krieg gegen Mexiko annektiert hatten, von den Waschplätzen vertrieben, verfolgt, geschlagen und gelyncht. Murieta war einer von jenen Verfolgten, die sich zur Wehr setzten: er wurde Bandit und nahm sich - gleich einem chilenischen Robin Hood - das verweigerte Gold. So wurde Murieta zur Gefahr, die getilgt werden mußte. Die Armee jagte den Banditen und seine Bande durch das Land, bis sie ihn schließlich faßte und köpfte. Sein Kopf war darauf, in Spiritus wohlpräpariert, im ganzen Land gegen ein kleines Eintrittsgeld zu besichtigen. Kurz vor seinem Tod hatte Murieta eine Vision. Eine Vision von einem geeinten Amerika, in dem alle Völker friedlich und frei miteinander leben. Und hier beginnt die Legende von der Unsterblichkeit Murietas: er lebt bis heute, wie Joe Hill, Sacco und Vanzetti - die Helden des " anderen" Amerika.
"Glanz und Tod des Joaquin Murieta" ist ein Stück, das in seinem Aufbau alle bekannten europäischen Dramenformen sprengt. Entstanden aus einem großen Gedicht, wurde es von Neruda für die Uraufführung in Santiago de Chile in eine szenische Bilderfolge umgearbeitet, die " ein Melodram, eine Oper und eine Pantomime" sein wollte. Geschrieben wurde das Stück für Chilenen und in einer bestimmten historischen Situation. Dies machte es bei den wenigen bundesdeutschen Aufführungen, die "Murieta" erlebte, schwer, einem zum Teil undurchdringlichen Symbolismus einerseits, sowie der platten Folklore andererseits zu entgehen. Für die Tübinger Inszenierung erarbeitet deshalb der chilenische Schriftsteller Carlos Cerda eine Fassung, die unter Wahrung der poetischen Kraft des Originaltextes eine größtmögliche Klarheit der Vorgänge und Aussagen gewährleisten soll.
Für die Ausstattung und die musikalische Einrichtung konnte das LTT den Bühnenbildner und Maler Guillermo Nunez sowie den Komponisten Sergio Ortega gewinnen.
Beide sind Chilenen und hatten bereits zusammen mit Neruda die Uraufführung erarbeitet. Heute leben sie im Exil, wie auch der Regisseur Carlos Medina, der Anfang des Jahres am BERLINER ENSEMBLE Brechts "Die Ausnahme und die Regel" inszenierte.